Wer ein bestehendes Gebäude umbauen oder untersuchen will, braucht ein Bauaufmaß. Handelt es sich um ein Baudenkmal, reicht ein schematischer Grundriss meist nicht aus: Denkmalpflege und Bauforschung erwarten eine Darstellung, die auch Verformungen, Bauschäden und Spuren der Baugeschichte zeigt. Dieser Beitrag erklärt, nach welcher Systematik solche Aufmaße eingeteilt werden und worauf es in der Praxis ankommt.
Die vier Genauigkeitsstufen nach Eckstein
In der deutschen Denkmalpflege hat sich die Einteilung in vier Genauigkeitsstufen durchgesetzt, die Günter Eckstein in den „Empfehlungen für Baudokumentationen“ des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg beschrieben hat. Welche Stufe gewählt wird, hängt von der Bedeutung des Objekts, seiner Komplexität und den geplanten Maßnahmen ab.
| Stufe | Bezeichnung | Inhalt | Typischer Maßstab | Typischer Zweck |
|---|---|---|---|---|
| I | Schematisches Aufmaß | Grundstruktur, Raumgefüge; keine Verformungen, keine Schäden | 1:100 | Vorplanung, Übersicht, Renovierung ohne Eingriff in die Substanz |
| II | Annähernd wirklichkeitsgetreues Aufmaß | wesentliche Abweichungen vom rechten Winkel, Wandstärken, Öffnungen | 1:50 (teils 1:100) | einfache Sanierungen, Kartierungsgrundlage für restauratorische Untersuchungen |
| III | Exaktes, verformungsgetreues Aufmaß | alle Verformungen, Bauschäden, Spuren früherer Bauzustände, Angaben zum Material | 1:50, Details 1:25 | Umbau und Restaurierung, statische Sicherung, Bauforschung |
| IV | Verformungsgetreues Aufmaß mit allen Details | wie III, zusätzlich kleinste Details wie Profile, Zierelemente, Bearbeitungsspuren | 1:25 und größer | hochwertige Denkmalobjekte, wissenschaftliche Bauforschung, Rekonstruktion |
Mit jeder Stufe steigen Messaufwand, Punktdichte und Zeichenaufwand – und damit die Kosten. Für die meisten Sanierungen im Denkmal ist Stufe III das sinnvolle Maß; Stufe IV bleibt Objekten oder Bauteilen vorbehalten, bei denen jedes Detail Befundwert hat. Unsere eigenen Leistungsstufen ordnen sich so ein: Genauigkeitsstufe 2 liefert eine idealisierte, rechtwinklige Darstellung für Flächen und Umbauplanung, Genauigkeitsstufe 3 die verformungsgerechte Geometrie für Denkmal, Statik und Sanierung. Was die Stufen im Einzelnen bedeuten, beschreibt die Seite Aufmaß-Genauigkeiten.
Verformungsgerecht messen: Messnetz und Verfahren
Ab Stufe III werden Schiefwinkligkeiten, krumme Bauteile und Tragwerksverformungen zeichnerisch erfasst. Grundlage ist ein vom Bauwerk unabhängiges Messnetz: Mit Tachymeter und Nivellier werden Festpunkte in einem einheitlichen Koordinatensystem bestimmt, an die alle weiteren Messungen anschließen. Darauf aufbauend kommen je nach Objekt unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, die jeweils eigene Ausrüstung verlangen:
- Dreiecksmessung mit dem Maßband (heute selten)
- orthogonales Messnetz mit Achsen und Schnüren
- tachymetrische Aufnahme (Polaraufnahme einzelner Punkte)
- Einzelbild- und Stereophotogrammetrie
- terrestrisches Laserscanning
Der Laserscanner erfasst die Oberflächen berührungslos und flächendeckend als Punktwolke. Das ist bei empfindlichen historischen Oberflächen ein Vorteil, weil nichts angehalten oder befestigt werden muss. Die Punktwolke ersetzt aber nicht die Beobachtung am Objekt: Kanten, Fugen und Bauteilgrenzen müssen bei der Auswertung richtig gedeutet werden.
Zeichnen am Objekt und Befunddokumentation
In der klassischen Bauforschung gilt der Grundsatz, die Zeichnung vor Ort am Bauwerk zu erstellen und nicht im Büro aus Skizzen zu rekonstruieren – sei es als Bleistiftkartierung auf maßhaltigem Zeichenkarton oder verzugsfreier Folie oder digital am Notebook. Nur so lassen sich Befunde direkt prüfen und richtig darstellen. Handzeichnungen werden anschließend in ausreichender Auflösung (zum Beispiel 400 dpi) gescannt und als Rasterbild im CAD hinterlegt, damit sie digital weiterbearbeitet werden können.
Die Denkmalpflege erwartet zudem mehr als Geometrie: Putzarten, Steinformate, Fugenbild, Materialwechsel und Bauphasen sind Teil der Dokumentation. Deshalb wird das geometrische Aufmaß durch eine fotografische Dokumentation und Befundbeschreibungen von Restauratoren oder Bauforschern ergänzt. Beim Scan-Aufmaß bewährt es sich, Detailbereiche vor Ort gemeinsam festzulegen und zu fotografieren, bevor die Pläne gezeichnet werden.
Das Aufmaß als Archivdokument
Ein Denkmal-Aufmaß hält den Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt fest. Bei Umbauten gehen oft Ausstattungsdetails verloren oder Grundrisse ändern sich – dann ist das Aufmaß später die einzige verlässliche Quelle zum früheren Zustand. Pläne, Punktwolken und Fotos sollten deshalb in offenen, gut dokumentierten Formaten archiviert werden, etwa PDF für Pläne und E57 für Punktwolken, mit Angaben zu Datum, Messverfahren und Genauigkeitsstufe.
Denkmalaufmaß richtig beauftragen
Das Bauaufmaß ist die Grundlage für Planung und Bauforschung am Denkmal. Entscheidend ist, die Genauigkeitsstufe vor Beginn mit Denkmalbehörde, Architekt und Tragwerksplaner abzustimmen: zu grob gemessen fehlen Befunde, zu fein gemessen entstehen unnötige Kosten. Ein Praxisbeispiel zeigt der Bericht über das verformungsgerechte Aufmaß in Fürth; unseren Leistungsumfang für Baudenkmäler finden Sie unter Bauforschung.
