Im Juni 2019 führte uns ein Auftrag nach Fürth: Ein historisches Gebäude sollte vor einer geplanten Sanierung verformungsgerecht aufgemessen werden. Der Bericht zeigt, wie ein solches Aufmaß abläuft und warum es gerade dann sinnvoll ist, wenn mehrere Fachplaner mit denselben Unterlagen arbeiten.
Ausgangslage: ein Gebäude, drei Auftraggeberinteressen
Das Gebäude war für eine Sanierung vorgesehen, seine tatsächliche Baustruktur aber nicht ausreichend dokumentiert. Das Besondere an diesem Auftrag war die enge Abstimmung mit drei Beteiligten: einem Statiker, einem Denkmalpfleger und einem Architekturbüro. Jeder von ihnen stellte andere Anforderungen an das Aufmaß, die in einem gemeinsamen Planwerk zusammengeführt werden mussten.
- Statik: exakte Wandstärken, Schiefstellungen und Durchbiegungen, um die Tragfähigkeit beurteilen zu können.
- Denkmalpflege: die originale Baustruktur, historische Details und Spuren früherer Umbauten.
- Architektur: vollständige Grundrisse, Schnitte und Ansichten als Grundlage der Sanierungsplanung.
Verformungsgerecht in Genauigkeitsstufe 3
Beauftragt war ein Aufmaß in unserer Genauigkeitsstufe 3. Verformungsgerecht heißt: Das Gebäude wird nicht idealisiert, also nicht rechtwinklig und lotrecht „geradegezeichnet“, sondern so dargestellt, wie es tatsächlich steht – mit schiefen Wänden, verzogenen Öffnungen, durchhängenden Decken und abgesackten Bauteilen. In der Systematik der Denkmalpflege entspricht das dem verformungsgetreuen Aufmaß der Stufe III; darüber liegt noch Stufe IV mit detaillierter Darstellung im Maßstab 1:25 und größer.
Grundlage war ein vom Bauwerk unabhängiges Koordinatensystem. Alle Geschosse wurden über Passpunkte darin verknüpft, sodass jedes Bauteil lagerichtig eingemessen ist und Grundrisse, Schnitte und Ansichten exakt zueinander passen. Als Höhenbezug dienten Meterrisse, also Markierungen einen Meter über der geplanten Fertigfußbodenhöhe, an die später auch die Handwerker anschließen können.
Laserscanning als Messverfahren
Erfasst wurde das Gebäude mit terrestrischem Laserscanning. Der Scanner nimmt von zahlreichen Standpunkten aus Millionen Messpunkte auf; zusammengeführt ergeben sie eine Punktwolke, also ein dreidimensionales Abbild der Oberflächen. Die Messung ist berührungslos – an empfindlichen historischen Oberflächen muss nichts angehalten, angeklebt oder abgeschlagen werden.
Für die drei Beteiligten hatte das einen praktischen Vorteil: Alle Pläne entstehen aus demselben Datenbestand. Wandstärken für den Statiker, Detailbereiche für den Denkmalpfleger und das komplette Planwerk für das Architekturbüro widersprechen sich nicht, weil sie aus einer einzigen, geprüften Messung abgeleitet werden. Fragen, die erst während der Planung auftauchen, lassen sich oft in der Punktwolke beantworten, ohne erneut vor Ort messen zu müssen.
Geliefert: Bestandszeichnungen ohne Schadenskartierung
Unser Auftrag umfasste die Bestandszeichnungen in Genauigkeitsstufe 3: Grundrisse aller Geschosse, Schnitte durch das Gebäude und Fassadenansichten im Maßstab 1:50. Die Zeichnungen zeigen die Verformungen und Abweichungen vom rechtwinkligen Idealzustand.
Eine Schadenskartierung gehörte nicht zum Leistungsumfang. Die Punktwolke bildet dafür aber eine gute Grundlage: Sichtbare Risse, Verformungen oder Fehlstellen lassen sich später in die Pläne übertragen. Für Befunde wie Feuchte oder Materialschäden reicht die Geometrie allein jedoch nicht aus – hier braucht es die Begutachtung vor Ort durch Restauratoren oder Sachverständige, die dann auf den vorhandenen Plänen kartieren.
Was wir aus dem Projekt mitgenommen haben
Ein verformungsgerechtes Aufmaß lohnt sich vor allem dort, wo mehrere Disziplinen auf genaue Bestandsdaten angewiesen sind. Ein einfaches Aufmaß, das nur die Nennmaße erfasst, hätte dem Statiker die Schiefstellungen und dem Denkmalpfleger die Spuren der Baugeschichte vorenthalten. Entscheidend ist, die Anforderungen aller Beteiligten vor der Messung abzustimmen – dann reicht in der Regel ein Messeinsatz für alle.
Wie sich die Stufen unterscheiden und wann welche sinnvoll ist, erklären wir im Beitrag Bauaufmaß im Denkmal und auf der Seite Aufmaß-Genauigkeiten. Wenn Sie ein historisches Gebäude sanieren möchten, finden Sie den Leistungsumfang unter verformungsgerechtes Aufmaß.
